Vamos, Pulpo und Buen Camino

03.08.2015

„Morgen sind es nur 20 Kilometer!“, die Freude in der Gruppe steigt. 20 Kilometer klingen nach einem netten kleinen Morgenspaziergang, wenn am Vortag knappe 35 Kilometer gestemmt wurden. Die Gruppe atmet erleichtert auf. Die Gruppe, das sind 50 Personen, die meisten zwischen 15 und 25 Jahre alt und sie kommen aus Spanien, Litauen und Deutschland.

Die Gruppe hatte beschlossen den Jakobsweg zu laufen, jenen legendären Weg im Nordwesten Spaniens, über den es unzählige Legenden, Bücher und Filme gibt. Zum Grab des heiligen Jakob, das unter der Kathedrale von Santiago de Compostella liegt. 9 Tage hatte sie sich dafür gegeben, für 233 Kilometer. Ein Schnitt von knapp 26 Kilometern am Tag.

Eigentlich laufen meist Einzelpersonen den Weg. Nicht aber Gruppen mit 50 Pilgern. Dafür gibt es keine Herbergen und Unterkünfte. Doch dank spanischer Organisationskraft, konnte die Gruppe in Turnhallen und sogar einmal in einer kleinen Dorfkirche nächtigen.

50 Personen waren aber zu viel für den bekanntesten aller Jakobswege, den Camino Francis, deshalb wurde der älteste, unbekannteste, aber auch schwerste Jakobsweg ausgewählt, der Camino Primitivo. So zumindest stand es im deutschen Reiseführer im Vorwort als Beschreibung für diesen Weg. Und der Autor sollte Recht behalten. Zweimal am Tag ging es in den ersten Tagen Berge mit Brockenhöhe, hoch und wieder runter. Durch engste Wald und Bergpfade, bei Nebel, Sonne und Regen.

Morgens wurde die Gruppe stets vom mitgereisten spanischen Priester Antonius geweckt, der um kurz vor sechs in die dunkle Turnhalle hinein sein tiefes, dennoch lautes und alles durchdringendes „Vamos“ zum Besten gab. Ein hilfreicher, aber leider nicht viele Freunde findender Weckruf.

Völlig übermüdet und nach kurzen Lagerabbaus und Frühstückeinpackens, ging es dann hinaus ins Weite, auf den anstrengenden aber unglaublich schönen Camino. Durch die Berge Asturiens und Galiziens, durch kleine verträumte Bergdörfer, Eukalyptuswälder, Bergpfade,  über Staudämme, alte Römerwege und zugewachsene Feldwege. Die Augen durchkämmen dabei stets die Landschaft, auf der Suche nach dem bekannten Symbol des Weges, der Jakobsmuschel. Die Muschel dient dem Pilger als Wegweiser und manchmal auch als Kilometerhinweiser.

Die Verständigung in der interkulturellen Gruppe verläuft meist auf Englisch, sowie Händen und Füßen. Was aber trotz aller Bemühungen, manchmal zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führt. Gerade die Frage, was pilgern eigentlich bedeutet, wird je nach Land unterschiedlich beantwortet, was über den gesamten Weg hinweg, zu einem intensiven Austausch über Glauben, Spiritualität und katholisch sein, führt. Bei den Teilnehmenden als auch Gruppenleitern.  Ein für alle fruchtbarer und lernvoller Dialog. Der den Sinn und Zweck solch interkultureller Begegnungen unterstreicht.

Doch auch kulinarische Begegnungen, insbesondere für die litauischen und deutschen Teilnehmenden, bringt der Weg hervor. Pulpo, kleine Kraken, gelten im galizischen Spanien, als Delikatesse, dessen Herstellung nur in diesem Landstrich besonders gut ist. Vergleichbar mit der Weißwurst in Bayern. Etwas Misstrauisch aber mit viel Neugier, wurde die Delikatesse probiert und mehrheitlich als „lecker“ beurteilt.

Abendteuerreich war es im Gesamten, insbesondere für die 11 deutschen TeilnehmerInnen. So kam schon das Gepäck für 7 Reisende nicht in Madrid am Flughafen an, sondern wurde erst 2 Tage später nachgeliefert. Das führte in den ersten Nächten zu einer nichtvergleichbaren Hilfsaktion der anderen Teilnehmenden. Matten und Schlafsäcke wurden organisiert, auch wenn das für die Verleiher selbst zu fehlendem eben Selbes führte. Blasen, Knieschmerzen und Verstauchungen führten zu spontanen Arztbesuchen und  zur streckenweisen Aussetzung des Weges.

Am 29.07. war es dann soweit, nach neun intensiven Pilgertagen wurde das Ziel, Santiago de Compostela, erreicht. Bei nicht wenigen flossen vor der großen Kathedrale ein paar Tränen, vor Freude und Erleichterung, es gemeinsam geschafft zu haben. Die Pilgermesse, mit dem riesengroßen Weihrauchfass, konnte dann als krönender Abschluss des gemeinsamen Weges bezeichnet werden.

Wobei der Weg das Ziel war und ist. Auch nach der Rückkehr in die Heimatländer. Und daher kann es auch weiterhin heißen: Buen Camino. Für die Gruppe aber auch jeden Selbst.

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